„Muuuuum!“ Where are you? Selbstfindung und Muttersuche auf Gälisch
Oona Dohertys bizarre Sozialkritik „Specky Clark“ rührt ans Herz und erschafft ekstatisch düstere Welten in Form eines Tanztheaters.Ein markerschütternder Schrei lässt die offene Bühne des Festspielhauses und den Zuschauerraum erbeben. Da machen sich eine zottelige, gebückte Kreatur und ein rotes Teufelchen über den leblosen Körper der toten Mutter von Specky Clark her, um ihn ins Jenseits zu zerren. Dieses Ereignis wirft Specky, den Namen verdankt der irische Junge seiner dicken Brille, bereits zu Beginn des Tanztheaters – gleich einem Katapult – in die raue Welt hinaus. Minutenlang versucht der im Kegelschein des Scheinwerferlichts gefangene Knabe, sich dem stürmischen Wind zu widersetzen, der ihn und seinen Koffer im kalten Bühnenlicht, umtost.
Wo das Reifen zur Prüfung wird
Die nordirische Choreografin und Regisseurin Oona Doherty rollt in „Specky Clark, A series of theatrical Images“ ihre frühe Familiengeschichte auf. In deren Zentrum steht die Kindheit ihres Urgroßvaters, der von Glasgow nach Belfast geschickt wurde, um bei schrillen Zwillingsschwestern, seinen Tanten, aufzuwachsen und im dortigen Schlachthof zu arbeiten: „Denn einer muss schließlich das Essen nachhause bringen“, wie uns das VoiceOver verrät. Der Schlachthof erweist sich als Ort einer Reifeprüfung, wenn der Protagonist unter Anleitung zweier grobschlächtiger Gesellen sein erstes Schwein erschießen muss, das ihn – schicksalhaft und durchaus launig bis scharfzüngig quasselnd – von der realen bis in die Anderswelt begleitet.
Die bunte Mischung aus Folk, Jazz und Elektronik der irischen Band Lankum bildet den akustischen Hintergrund der Szenerien und verstärkt das Schrille, Düstere und zugleich Fesselnde der Performance.
Wo Exzess und Ekstase sich vereinen
Ein rotglänzender, schimmernder Vorhang und warmes intensives Licht markieren den Beginn des zweiten Teiles. Akrobatik und Ekstase gehen hier choreographisch oftmals Hand in Hand und beschwören die Atmosphäre von Samhain, der irischen Halloween-Nacht, herauf. Ein furioser Bewegungsrausch, der sich an zwei stilistisch gegensätzlichen Tanzfilmen orientiert: Flashdance (1983) mit Jazzdance in allen Variationen und Billy Elliot (2000) mit Stepptanz und klassischem Ballett. Schlachthof, Bergwerk und Stahlwerk vereinen alle drei in ihren prekären Lebensumständen – wenn auch mit unterschiedlich starker Sozialkritik.
Wo die Fantasie zur Realität wird
Specky, der Einzige, der das Tor zur jenseitigen Welt finden kann, in dem ein Wiedersehen mit den Liebsten lockt, wankt nicht nur haltlos zwischen den realen und fiktiven Welten, sondern auch zwischen der typischen Zerrissenheit und Selbstfindung eines pubertierenden Teenagers. Diese Suche äußert sich in einer kraftvollen, nahezu rebellisch-aufmüpfigen Performance seiner Darstellerin und so entschlüpft er nicht nur seinen Muhmen, sich wütend windend, notfalls auch kopfüber, immer wieder, um letztlich – abrupt - abermals auf beiden Beinen zu landen.
Specky Clark erzählt Geschichten von hämisch kichernden Tanten, mythischen roten Fabelwesen, raufenden Halbwüchsigen, schwebenden Schweinen, tanzenden Derwischen, Grenzgänger:innen und düsteren Sphären. Am Ende soll ein Aspirin die nötige Erlösung bringen – und mit ihm ein neuer Tag voller Blut und Schweiß am Fließband im Schlachthof: „Hey, come on Specky. Calm down.“ Es ist alles nur halb so schlimm.