Tanzkritik

Der Homo narrans und das sterbende Schwein

Die irischstämmige Choreografin Oona Doherty erschafft mit „Specky Clark“ einen überreichen Abend, an dem nur wenig getanzt wird. Schade? Im Gegenteil, das funktioniert erstaunlich gut.

Was ist es, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet? Es ist die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen – deswegen sind wir immer Homo narrans und womöglich nur manchmal Homo sapiens. Daran wird man in der einstündigen Performance im St. Pöltner Festspielhaus erinnert, wenn wenig getanzt, aber viel erzählt wird. Gut, dass die neun Tänzer:innen auch ohne Choreografie groß performen.

Aber fangen wir mit der Geschichte an, die Doherty hier erzählt. Es geht um ihren Urgroßvater, der als zehnjähriger Waise zu seinen verhaltensoriginellen Tanten nach Dublin kommt, um dort im Schlachthof zu arbeiten. Doch das Schwein, das er als Initiation töten muss, erwacht nächtens wieder zum Leben (denn es ist Samhain, die irische Variante von Halloween) und überredet den Jungen Specky, mit ihm um die Häuser zu ziehen und die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten aufzubrechen. Da könnte Specky ja vielleicht seine gestorbene Mutter wiedersehen?

Und so tanzt Specky das Tor zur Unterwelt auf, fällt mit dem Schwein und anderen Geistern in einen rauschhaften Totentanz, erhascht einen letzten kurzen Blick auf seine Mutter und erwacht am nächsten Morgen im Schlachthof, zurück in der irischen, nun ja, Wirklichkeit. Ende.

Oona Doherty ist zwar wie schon bei „Navy Blue“ für Konzept, Choreografie und Regie verantwortlich, aber diesmal hat sie sich dramaturgische Hilfe geholt: den irischen Regisseur und Dramatiker Enda Walsh. Das hilft dem Stück, eine Struktur und einen roten Faden zu finden. Auch musikalisch bleibt Doherty ihrer Heimat treu – die irische Folkband Lankum (am 10. Mai beim Donaufestival in Krems live zu hören) steuert mit einigen Gastmusiker:innen den Soundtrack bei. Ein Sprechensemble führt durch die Geschichte (und die Übertitel helfen, das irische Englisch zu verstehen). Licht, Kostüme und Bühnenbild ergänzen die erzählte Geschichte perfekt.

Der Protagonist Specky – wegen seiner spectacles (dt: Brille) so genannt – wird von der US-amerikanischen Tänzerin Faith Prendergast dargestellt. Ihre Performance über die gesamte Dauer des Stücks ist fantastisch: Prendergast ist glaubhaft ein 10-jähriger irischer Junge im frühen 20. Jahrhundert mit einem Coming-Out als Tänzer. Dass Doherty „Billy Elliot“ als Inspiration nennt, ist klar erkennbar. Wer im Reigen der untoten Tänzer:innen Anklänge an Michael Jacksons „Thriller“ sehen will, darf das natürlich auch.

„Specky Clark“ vermeidet die Probleme, die der zeitgenössische Tanz oft hat: Ohne Einführung, ohne Begleittexte bleibt das Geschehen meist rätselhaft. Nicht so hier – alles ist geradlinig und klar erzählt und kann sich deswegen den wilden Ritt in die irisch-keltische Traumwelt leisten, ohne dass die Zuschauer:innen sich verlieren.

Doherty ist also eine gute Geschichtenerzählerin, und hier tut sie es roh, laut, unsentimental und schnell. Gefühle? Ein Luxus, der zwischen Schlachtapparat und dünner Winterkleidung keinen Platz hat. Einzig die Toten zeigen Specky zärtlich ihre Dankbarkeit, bevor Samhain zu Ende geht und das Tor zur Zwischenwelt sich wieder schließt.

Viel Theater, wenig Tanz? Stimmt. Gelungen? Absolut! Alles in allem ein toller, kompakter Abend, der sich ein volleres Festspielhaus verdient hätte.

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